Rezensionen von Annett Gröschner, Thomas Ernest, Undine Materni, Thomas Reinecke, Heinz Weißflog zu
Gregor Kunz, : »Versensporn 7«. Gedichte. Edition POESIE SCHMECKT GUT, Jena 2012, 36 Seiten, 3 Euro.
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Gregor Kunz, Jahrgang 1959, schreibt schon sehr lange, eine Doppelbegabung, er macht auch wunderbare Collagen. Seine Gedichte sind eigentlich auch Collagen. (…)
Es sind Texte, die immer sehr lang sind, die mäandern. Es sind Kaleidoskope, in den Landschaft vorkommt, in denen Geschichte vorkommt. Sie werden so zusammengesetzt, als wenn man unter dem Kaleidoskop verschiedene Dinge hinlegt und dann guckt man durch und dann ergibt sich ein ganz eigenes Bild. So sind diese Texte.
Man muss sie sehr oft lesen und sehr lange und sich wirklich damit auseinandersetzen. Ich mag sie sehr. Und ich finde, dass er ein absolut vernachlässigter Autor ist.

Annett Gröschner über Versensporn, radio 1, rbb, 26.8.2012

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Abseits der Aggregatzustände
Zu Gedichten von Gregor Kunz

Immer gibt es eine Handvoll Dichter, die sich dem gängigen Literaturfeld aus den unterschiedlichsten Grüinden entziehen. Gregor Kunz gehört dazu. Nach zwanzig Jahren veröffentlicht er wieder eine eigenständige Lyrikpublikation in der Heftreihe Versensporn. Es sind 19 Gedichte, die es ohne Ausnahme in sich tragen, deren Zeilen ohne Pathos sind und die gleichzeitig Pathos haben. Deren Worte sehr heutig anmuten und auch zugleich Gegenzeit atmen. Man merkt den Texten ihre Unabdingbarkeit an, eine Art kristalline Spannung (Max Raphael), die Energie im Kopf freisetzt. Ohne Trend haben die Gedichte ihren Rhythmus, die Stimme des Dichters bemerkt man, mal mit einem Ausdruck alkäischen Hauchs, mal als Staccatozäsur, zutiefst eigen. Als Beleg möge die erste Strophe des Gedichtes »In Böhmen« zitiert sein: »Grün, das vor allem, und gleich danach Trauer. /Nicht jene, die du mit fortnahmst, nicht jener zahngezeichnete Knochen./Jene in fallenden Farben, aus Holz und Stein, aus Pflanzen heraus./Leer ist die Straße, steigt oder fällt, / ein blasses Band über dunklen Dächern der Himmel, / da das Grün in den Blättern verschwindet, das Laub sich verdichtet, / nie makellos schwarz ... Das Gold, / ja, das Gold: Man muß sich beeilen, alles verschwindet. / / ... «.

Nicht nur Gold, auch ein grünes Farbempfinden durchweht so einige Gedichte, rein subjektiv von mir als biografisches Element gedeutet (Forstarbeiter in Forst), aber auch die Erwähnung anderer Farben belegen eine Nahe zur Visualitat. Und so verwundert es nicht, dass Collagen und Montagen von ihm auch in mehreren Ausstellungen zu sehen waren. Und es verwundert auch nicht, dass Beitrage über bildende Kunst von Gregor Kunz manchmal in Zeitungen und Zeitschriften erscheinen. Das erste Gedicht im Heft stellt das (poetisch gemalte) Bild des Dichters in seinen Intentionen dar. Vorm Spiegel - ein Selbstporträt, nicht in Öl gemalt. Hölderatmosphärisch oder mehr noch eine Georg-Büchner-Empfindung löste es unter anderem beim Rezensenten aus, als er die Worte Türmchen, fleckiger Mond und »ganz der ihre« (ohne Unterthänigkeit) las.

Im Zwischenraum von Text und Bild scheinen sich seine Gedichte auszubreiten. Liest man die Zeilen genauer, stößt man unweigerlich auf eine besondere Textsyntax, eine Freiheit des Satzbaus, die zu einer poetischen Erhöhung führt. Dadurch entsteht eine spezifische Versdichte, die der Leser selbst »bedenken« kann, weil die Verbindungen zwischen Inhalt und Idee im Kontext stehen und von Hintersinn überwölbt werden.

Auffällig ist in der Gedichtauswahl von Kunz auch die Affinität zur antiken Welt, die er mit heutigen Situationen abzugleichen scheint, was sind auch 2.000 Jahre torkelnde Christenheit in Teilen von Europa gegen die alten Götter, die »niemand sterben sah«. Das kann man so sehen. Mir fällt das Bedauern unserer Weimarer Klassiker ein, die den Abgang der Vielfalt der Götter beklagten und einen monotheistischen Gott als langweilig empfanden.

Eigentlich ist es unüblich, über ein dünnes Heft eine Rezension zu schreiben, vielmehr ist es allgemeine Praxis, eine ganze Reihe oder auch Bücher mit eigenständigen Besprechungen zu würdigen. Das ist auch in Ordnung so. Hier aber, angesichts der Textqualität, kam ich nicht umhin, meiner Begeisterung Raum zu geben.

Die Reihe Versensporn lehnt sich offensichtlich an die Reihe Poesiealbum an, die in der DDR bekanntermaßen Auflagenorgien feierte. Besonders erwähnt werden sollte, dass die Reihe mit Unterstützung der Stadtwerke Energie Jena-Pößneck erscheinen konnte. Unüblich wohltuend ist es, Literaturforderung in dieser Art und Weise zu begegnen.

Thomas Ernest, Ostra-Gehege 68, Dezember 2012

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Ich suche noch heute die Mitte der Welt
Große Texte in kleiner Form: der Dresdner Dichter Gregor Kunz

Verleger, die ausschließlich Gedichte drucken, bringen es selten zu materiellem Reichtum, das ist hinreichend bekannt. Und dennoch oder gerade deshalb gibt es kleine Formen, beherzte Herausgeber und inzwischen auch erstaunliche Sponsoren, wie die Stadtwerke Jena-Pößneck, die derartige Unternehmungen unterstützen.
Versensporn – Heft für lyrische Reize nennt sich eine Reihe, die seit 2011 in Jena erscheint und mit einer Auflage von 100 Exemplaren interessierte Leser einlädt, sich mit Gedichten von vergessenen und verkannten Autoren der Moderne auseinanderzusetzen – auf 35 Seiten pro Heft, also einer Prise Poesie, die Lust auf mehr macht. Herausgeber ist ein Verein mit dem wunderbaren Namen „Poesie schmeckt gut“. Bisher erschienen Hefte zu Walter Rheiner (1895-1925), „Matthias“ BAADER Holst (1962-1990), Bess Brenck-Kalischer (1878-1933), Gerd Adloff (*1952), Wilhelm Runge (1894-1918) und Karin Boye (1900-1941). Das 7. Heft schließlich enthält 17 Lang-Gedichte des Dresdner Dichters Gregor Kunz (Jg. 1959).
„Ich wäre“, schreibt Kunz in einem der Texte, „ein guter Tischler geworden,/ aber so wurde ich Seemann, genauer: ein Dieb./ Was soll man machen?/ Wer hat denn kein Heimweh?“ Tom Riebe, einer der beiden Herausgeber, hat für den Ton der Gedichte ein passendes Attribut gefunden – er nennt sie „struppige Gebilde“. Wohl auch deshalb, weil hier keiner am Werk ist, der sich in geschliffenen Metaphern gefällt, der keine Drahtseilakte vollführt um im Feuilleton zu landen, einer der sich offensichtlich niemandem andient, mit dem was er schreibt, der schreiben muss, denn „auch deshalb gibt es mich mehrfach/ und nur dann, wenn ich spreche, mit Händen und Füßen“. Bemerkenswert an diesen Gedichten sind Fundstücke aus fast allen denkbaren Bereichen: Kindheit, Geschichte, Kunst, Tiere und Bäume und ach! all diese Farben: „gelbes Gelichter, Feuerwehrrot, Gelb und Ocker, violette Schatte, Kalkweiß im Glanz der Metalle …“ Es knirscht zwischen den Zeilen, es staubt, es ist schartig und scharf und zuweilen wagen sich Götter hervor, um zu schweigen.
„Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will. Alles verschwindet“, schrieb der französischer Maler Paul Cézanne vor über hundert Jahren in einem seiner Briefe. In einem Gedicht von Gregor Kunz taucht dieses Motiv scheinbar beiläufig wieder auf und doch scheint es tragend für seine gesamte Poetik zu sein.
Denn fernab von modischen Trends ist hier ein eigenwilliger Dichter auf einer abenteuerlichen Reise mit und zu den Dingen unterwegs, ein Dichter der die Sprache beim Wort nimmt, einer, dem es nicht um das eine oder andere geht, sondern für den die Dinge sowohl als auch existieren, sich reiben, knirschen und zuweilen Funken schlagen.

Undine Materni, Sächsische Zeitung, 30.1.2013

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Der 1959 in Berlin geborene, in Dresden lebende Gregor Kunz wird in Heft 7 als Lyriker und bildender Künstler vorgestellt. Faszinierend nicht nur die komplexen Gedichte, teils aus entlegenen Publikationen der Jahre 2000 bis 2011 wiederabgedruckt, teils bisher unveröffentlicht, sondern auch die auf dem Umschlag abgebildete Collage. Die Texte, assoziativ, ebenso sinnlich-konkret wie vielschichtig, einen Echoraum von Hölderlins Spätwerk über Trakl bis zu Inger Christensen eröffnend, mit harten Brüchen zwischen gehobenem Stil und Umgangssprache, entfalten eine starke Sogwirkung und reizen ebenso zu wiederholter Lektüre wie sie sich rationalem Erfassen entziehen. Adloff und Kunz – für mich nicht die einzigen, aber doch die wichtigsten literarischen Entdeckungen, die ich den Versensporn-Herausgebern bis jetzt verdanke.

Thomas Reinecke, Versensporn, Eine neue Lyrikreihe, in: Marginalien – Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, 211. Heft (3,2013)

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Volljährig im sengenden Hemd

Kryptisch, im stockenden, skandierenden freien Rhythmen sind diese regellosen und erdnahen Verse, und dann ist da oft nur ein banaler Satz, hingeworfen, hingestellt wie ein leerer Sockel, auf dem sich imaginäre Gedankenfetzen türmen oder auch gar nichts, Sätze der Trauer, blut-und salzdurchtränkt, schimärisch, blasphemisch und erdverliebt, rebellisch und nicht konform, denen Farben von Verlust und Vergeblichkeit eingeschrieben sind.
Dieser Gedichtband von Gregor Kunz (geb. 1959 in Berlin) las sich schwer aber mit großem Vergnügen. Ein Gebirge, das nur schwer zu erklimmen ist und in höhere Regionen führt, wo die Luft dünn wird. Der Rezensent staunt, weil seine beflissenen Dechiffrierungsversuche allemal misslingen. Das müssen sie, weil die Poesie von Gregor Kunz ohne Schemata auskommt und das Klischee sofort wegräumt. Im Wald der Bilder von Kunz bleiben einzelne haften. Worte und Sätze wie Solitäre, dann plötzlich ein Fließen und Strömen, in dem sich Gedankeninseln behaupten. Ein Kanon von oft benutzen, aber nicht abgenutzten Worten in unerklärlichem Zusammenhang, die sich im Fluss der Sprache behaupten und aufklaren, schwimmen, untergehen und immer wieder auftauchen. Trotzdem oder gerade deswegen bleibt die Neugier auf ein dichterisches Universum, das sich auf nur 35 Seiten ausbreitet und mit Herzblut und darbenden Stunden erkauft ist. Von Herakles bis Gagarin (beide scheinen mir hier als konträr auftretende Verwandte) geht Kunz seinen Weg und lässt die Leute reden.
Die reden freilich anders und meistens in Wort und Gedankenblasen bekannter Herkunft. Die Sprache von Gregor Kunz ist ein gezackter Torso, wild und ungestüm, lüstern und sinnlich, erd-und flussverhaftet, aber auch sacht und zart. Kunz eröffnet seinen Band mit einer eigenwilligen Herakles-Version, die eher den Göttern Recht zu geben scheint. Dem Frevler, dem Revoluzzer und Feuerringer, der die Revolte am eigenen Leibe vollzog, geschieht Recht: "Volljährig im sengenden Hemd: Ich, Herakles/durchs Feuer brüllte, wie vor dem im Blutschlamm,/Acker, Mistbeet, Suff: Ich/zerre was mich zerrt (plötzlich fehlende Hände, unstill/noch vor dem ersten Wort das Verstummen, töten ist leicht).//Aufwärts den uralten Sack. Es gibt keinen andern. Ich://Aber dem Tod auf die Fresse".
Die kraftvolle, fluchartige Geste kehrt immer wieder, als aufrührerischer Akzent, nicht aber als gefällige Pointe, ist sie mitten unter die Schar der Verse gestreut wie Salz oder Pfefferspray. Da reibt man sich schon mal die Augen.
In den beiden Gedichten "Landpartie" versucht Kunz die Orientierung in der neu verbauten Welt aus Beton und Glas, wie auf Heimatwegen, die Furcht erregen, denen Richtung und vertraute Räumlichkeit abhanden gekommen sind, deren Erinnerung bitter aufstößt. Walt Whitmans "Grashalme" werden geschnitten, "In Bahnhöfen, verkommen und zäh, zugehen/Kräuter/durchwachsen Dachsplitt, Holzmehl und Wege, die /ausdauernden, zitternden Blätter: Arbeiter und Nichtarbeiter, umstellt von gegessenen Broten, /Sand in den Zähnen. Gegessen, ich weiß/es ist immer zuwenig: noch habe ich alles gesehen./Genug: Wer sah die alten Götter sterben?"
Im "Brief vom Yukon", dem legendären Fluss, entfaltet Kunz eine breit angelegte Klage über den Werteverlust in der globalen Welt: "Nah ist alle Welt und verklammert mit Drähten, /verkabelt, das Bekannte: Gestern.../Es heißt so. Wir hätten es zwingen sollen, aber selbst/noch die Uhren widerstanden.//Mit Hammer und Telefon, Gewehren ins grammweis/Zusammengekehrte, /drängen ins währende Glück; jung und schwanzäugig, /eine haarige Band. Nur Mut!" Die Sprengung der Steine flußab für ein künstliches Bett, die Wölfe, die wiederkommen, eine sinnreiche Metapher. Alles umdrehende, umwandelnde Geschichte, deren Gang sich nicht zwingen lässt, eine Naturgewalt (oder doch bloß Menschengewalt?) So wundert es nicht, das Gregor Kunz am Ende seines Bandes ein eigenwillig zwiespältiges Arkadien heranzoomt: Das scheint ein einziges Fragment eines sinnlosen Ganzen geworden: Und welch Wortgefecht: "Im Bewurf der Schriften steifes Reden - Gestern, /Morgen, Jetzt! - in Fetzen geht, /in Fetzen fallen Zahlen ins arkadische Plakat, weiß/ natürlich. Köpfe und Tritte am Flußübergang, in dunklen Spuren/das Verharren./Kannst du es sehen? Weiß vor Weißem schlägt das/Boot jetzt um". Solcher Art ins Hirn sich schreibende und krallende Dichtung gibt es hierzulande wenig.

Heinz Weißflog, Signum, Sommerheft 2013

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Versensporn 7: Gregor Kunz
Edition Poesie schmeckt gut, Jena 2012
Einzelheft 3 €/ Abonnement (4 Hefte) 12 €
www.poesieschmecktgut.de

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