Über den Durst und die Felder bei Sonnenaufgang: Pünktlich zum 100sten erscheint das Gespenst Ernest Hemingway im Blue Note und redet in Zungen

(90.)

Es war ein heller Morgen, klar wie sie öfter sein sollten, aber nicht mehr oft sind. Ein Morgen mit roten Augen und Dreck unterm Nagel, den Worten des Vorabends, knöchelhoch auf dem Pflaster und wie staubtrockenes Gras, Kippen, abgebrannte Hölzer, Zettelchen, angebissenes, vergessenes Brot.
Schlaflosigkeit, sagte Jesse, ist ein produktives Laster. Er sagt, dass Schlaflosigkeit ein Laster ist, sagte Franz. Er sagte, dass Schlaflosigkeit produktiv ist, sagte ich. Das ist nicht dasselbe. Ganz schön, sich das auszumalen, nicht wahr?
Über den Suff wegzukommen, reicht manchmal ein Bier. Schafft man das noch oder nur wenn es sein muss? Du wirst das herausbekommen müssen. Thomas grinste, während er dem Keeper beim Zapfen zusah. Da hast du ja noch allerhand vor dir. Das Bier war köstlich, kühl wie die Luft über den trockenen Gräsern in Ufernähe, wenn gerade die Sonne aufgeht. Hemingway mochte diese Zeit. Hemingway mochte Bier. Hemingway mochte alle anderen Getränke. Aber das war in einem anderen Land. Und außerdem ist er tot. Dann auf Hemingway. Thomas hob sein Glas: Über den Durst und die Felder.
Mach keine Panik, sagte Jesse. Das war ein alter Witz zwischen uns. Red kein Blech, heißt das, die Dödel sitzen auf ihren Fingern und pissen aus allen Löchern. Was du dem Herrgott schuldest, ist dein Problem. Laßt uns nutznießen. Nimm Mitgefühl und Ironie. Geh nicht aus dem Haus ohne Gin und Bananen. Wenn du eine Stütze brauchst, bestell noch ein Bier. Das war die Fortsetzung. Es gibt keinen Grund, die Sache nicht auch so auszudrücken. Franz hielt den Daumen hoch: Eine Nummer, dieser Hemingway. Mirko stellte jedem ein Glas hin. Keinen Stress, Jungs.
Als Liebhaber war Hemingway vielleicht etwas unstet. Zu wählerisch. Das hieß doch eine Mickey-Mouse auf einen Nußknacker setzen und einen Geier an jedermanns Leber. Egoistisch vielleicht? Als Boxer war auch nicht viel mit ihm los. Tanzen konnte er ganz und gar nicht. Schach? Ganz schlecht. Was hätte der wahre Hemingway uns zu sagen gehabt? Ein Stein ist ein Fels, ist Granit, ist ein Kiesel. Keine Ahnung, wie ich drauf kam.
Ne' Nummer, dieser Hemingway, sagte Franz, unbeschadet von allem: eine Nummer. Was wäre aus ihm geworden, hätte er Maurer gelernt, alter Mann oder Stier? Nimm Rücksicht auf alles, was du nicht verstehst. Es könnte ein Kunstwerk sein... Der Whiskey schmeckte nach Rauhreif und Moos, feuchtem Holz, glatten Steinen, Seeluft und Feuer, Vogelgeschrei und Nägeln, nach Tod am Nachmittag und der Sonne zwischen den Kiefernstämmen oberhalb der Küste. Zwischen den Stämmen lief ein Igel herum, hustend oder vielmehr singend: Deliziös diese Schnecken und lecker der Regenwurm. Schmatz-schmatz.
Jedesmal, wenn ich ein Komma setze, denke ich an Hemingway. Der hat das nämlich auch nicht gern gemacht. Die Reichen, sagte Jesse, die Reichen sind anders. Sie haben mehr Geld. Wozu brauchst du Kommas? Die nehm' ich, sagte Thomas, wenn der Kümmel alle ist. Kümmel nur auf Wunsch, sagte Franz. Kümmel für alle, sagte ich. Selbstmord ist kein Ausweg. Kämpf mit uns in der R.G.O. Promiskuität ist kein Ausweg, sagte Jesse. Kämpf mit uns in der Anti-Saloon-Liga.
Weißt du, was dir fehlt? Du bist ein Heimatloser. Eine der schlimmsten Typen. Niemand, der sein Heimatland verlassen hat, hat je etwas Vernünftiges geschrieben. Nicht mal druckenswert für die Zeitung. Du hast den Kontakt mit der Erde verloren. Du posierst. Trügerische Normen haben dich ruiniert. Du trinkst dich zu Tode. Du bist vom Geschlechtlichen besessen. Du redest die ganze Zeit, statt zu arbeiten. Du bummelst in Cafés herum. Du arbeitest niemals. Manche behaupten, dass du dich von Frauen aushalten lässt. Klingt eigentlich ganz verlockend, sagte ich. (Gregor Kunz, 1999)


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