Axel Helbig

"Keine Fahnen. Keine Diebe."

Zum neuen Gedichtband von Gregor Kunz

Der Dresdner Dichter Gregor Kunz hat sich mit Fleiß und Akribie in die vorderste Reihe der deutschen Poesie geschrieben. Seine Gedichte sind sinnlich, wortmächtig, farbenprächtig und unverwechselbar.
Kunz' komplexe Gesänge - oft eine direkte Verbindung zu den antiken Mythen herstellend - sind immer auch in der näheren, uns definierenden Geschichte, in der Gegenwart und in der eigenen Biografie verankert. Der im Band enthaltene Zyklus "Nach Ithaka" nimmt auf Homers Ilias und Odyssee Bezug. Kunz war selbst in Griechenland, hat einige der Handlungsorte dieses großen Mythos aufgesucht. Wie seinem literarischen Ahn Giorgios Seferis geht es ihm in seinen Gedichten darum, die Dinge benennend neu zu erschaffen. Im Zyklus werden die Argonauten begleitet, werden die Inseln von Kirke und Kalypso besucht, kehrt Odysseus als Bettler "Niemand" nach Ithaka heim und wird das Schiff der Phaiaken zum "steinernen Schiff". Odysseus (immer auch Kunz selbst) wird dabei nicht nur als listenreicher Held, sondern auch als Mensch, als Irrender und Zweifelnder benannt: "Den Jahren bin ich nachgelaufen, jetzt sind sie hinter mir, dem Läufer her. / Sind meiner mächtig. Lassen meine Füße Erde treten, und aus den Bildern / Bilder fallen, aufgehen Bilder, darin Schatten kämpfen, körperlos. / / Ich sollte einen Garten pflanzen, so war es bestimmt / am Finger Kinder führen bis die gingen selbst, / und in der Arbeit leben, in Liebe Arbeit sehen. / Keine Fahnen. Keine Diebe."
Nicht alles lässt sich aufschlüsseln. Zu groß sind die Auslassungen, dass aus den Mosaiksteinen, die diese Texte liefern, ein abgeschlossenes Bild zusammengesetzt werden könnte. Ein Ergebnis dieser Methode ist das unaufhörliche Aufreißen von poetischen Räumen. Ein weiteres Ergebnis ist die tiefe Erschütterung, die der Leser erfährt. Auch wenn er nicht alles versteht, beeindruckt ihn doch die Unmittelbarkeit, mit der diese Texte ihn auf sich selbst verweisen.
Gregor Kunz ist Künstler und Dichter in einem. Zum Zyklus "Nach Ithaka" hat er parallel Grafik-Collagen hergestellt. Farbenprächtig ist aber auch seine Sprache. Im Gedicht "Nach Arkadia. Zoom" wird der Handlungsort so beschrieben: "Gelb und Ocker, Rostrot, violette Schatten, / zäh wandern in den Hügeln / / Kein Horizont, nur Blau und Staub, ein Lasten erdig in der Hitze steigt ins Helle, / über Mauerwerk in Sparren silbern flirrt, in Rissen schwarz pulsiert. / / grün pfeift der Wind".
Einige Texte im Band beschreiben Ausflüge in die Familiengeschichte: "Meines Vaters Jugend liegt und seines Vaters Alter unter gewölbtem Gras / / Hier, im Raster der Gräben, standen die Flüchtlinge ihren Moment, frei, meine ich. / Machten sich blind ins Neue davon und sehenden Auges ans Weiter / / Hier nun am offen gelassenen Kriegskindergarten, in der Wucherstätte, schädelfrei jetzt." ["Landpartie 2"] Diese Ausflüge in die Ich-Historie sind existentiell grundiert und voller Geheimnis: "Was ich tue, sollte ich sein. / / Ich weiß, wer mein Leben gelebt hat, doch nicht, wer es lebt. / / Ich bin, was ich sage." [Landpartie 3] Im Gedicht "Die Rettung. Für Gerd Adloff" reflektiert Kunz die Zeit bei der Nationalen Volksarmee: "Im Drillich wie das hieß, ein Ein-und-Kein-Strich, zähle mit Genosse, für die gute Sache, / junger Mann in Sand und Schlacken, hör auf die Gewehre und über rot verschmierten Böden was der Tag spricht; sprich es nach, so sprechen alle Tage: Keine Worte, Worte nicht / / Ich hatte keine Ahnung. Das war meine Rettung."
Spannend liest sich der Zyklus "Brot & Spiele ABC", in welchem Gregor Kunz jedem Buchstaben des Alphabets ein Gedicht zuordnet. Der Text "F. Fahnen, Holz und Winde" beginnt so: "Fremd bin ich hergekommen, lernte Fahrrad fahren, in Gesichtern buchstabieren, / Fratzen schneiden, winken mit den Farben der Saison. Fort geh ich unvertraut mit vielem. ..." Man denkt unwillkürlich an Franz Schuberts "Winterreise". Eine Zeile aus "V. Graue Spalten" lässt an Kafkas "Prozeß" oder ans Arbeitsamt denken: "Verschlagen, dann verloren im Verwaltungsvorgang irren, ich und ich." Humorig-radikal kommt der Text "Xy. Hier nicht" daher (Auszug): "X, Ys und Zettens, zum xten Male wütend und mit der Axt im Luxuswald, x-fach geteilt und eingehegt."
Einige der schönsten Texte sind nach literarischen Vorlagen imaginiert, wie "Brief vom Yukon": "grau in dunklem Moos und rostrot zwischen Föhren stehen die Fabriken, leer. / Und über allem die Schatten der Raben, in den Seelen der Männer, der Frauen / der Ameisenstaat. / Wochenlang brennt hier der Schnee. Jüngst wurde Kohle entdeckt und essbares Wasser."
Die Gedichte sind im Verlag Moloko plus erschienen, der als Musik- und Print-Label existiert (www.molokoplusrecords.de) und als respektable Wunderkammer allemal einen Besuch wert ist.

Gregor Kunz: "Luftschiffhalde III", Gedichte 2000-2019, bei Moloko Print 2021, 176 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-948750-15-2.

in: Dresdner Neueste Nachrichten, 29.09.2022

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